THE BOSS – no country for old men?

Bruce Springsteen hat mit „Highly Confidential – Western Stars“ sein 22. Album. Gleichzeitig wird er im kommenden September 70 Jahre alt.

Danny Frischknecht
4 von 5

Singer Songwriter mit Rock im Blut aus den USA zuhause bei Sony Music

Von einem Album enttäuscht zu sein hat meist mit der persönlichen Erwartungshaltung zu tun, und die Gefahr steigt, wenn ein Musiker oder eine Band seit über 40 Jahren erfolgreich unterwegs ist.

Den Übernamen „The Boss“ hat sich Bruce Springsteen zu einer Zeit eingehandelt, als er seine Band nach den Auftritten noch bar bezahlte. Mittlerweile ist der Name aber schon längst ein Synonym für einen Boss, welcher der amerikanischen Nation und insbesondere seinem aktuellen Präsidenten einen Spiegel vorhält, teilweise die Meinung pfeift. Da seine Songs und Texte stark vom amerikanischen Alltagsleben geprägt sind, bleibt es auch nicht aus, dass er von Seiten vereinnahmt wird, deren Ansichten und Haltungen er definitiv nicht vertritt – das wohl beste Beispiel dürfte „Born In The USA“ sein, das oft als Hymne auf ein konservatives Amerika verstanden wird. Springsteen hat dazu ziemlich klar Stellung bezogen, als er Ronald Reagen die Verwendung seines Songs während des Wahlkampfes verbot.
Wer Springsteen schon einmal live erleben konnte, weiss um das Charisma des Musikers. Wie kaum ein Anderer schafft er es auch in einem vollbesetzten Stadion mit zehntausenden Besuchern eine intime Stimmung aufkommen zu lassen, mit dem Publikum zu interagieren. Berühmt und nicht mehr wegzudenken sind die Kartonplakate der Besucher, welche ihm eine Art flexibler Setlist sind.

Hat mich nun das Album „Western Stars“ enttäuscht? Habe ich eine Rockscheibe erwartet, ein krachendes Stück Stadionrock? Mit einem Ohr schon – und da hätte ich Grund, enttäuscht zu sein. „Western Stars“ ist insgesamt sehr unrockig, ist sehr melancholisch geworden. Was man aus meiner Sicht definitiv hätte weglassen können, sind die Streicher.
Wenn ich das Album als Ganzes betrachte, ist es nicht konsequent zuende gedacht. Meinen Abzug bei der Bewertung erhält das Album, weil ich es lieber noch akustischer gehabt hätte. Springsteen als reiner Singer Songwriter nur mit Gitarre, vielleicht hier und da unterstützt durch ein Banjo oder eine Steel Guitar – mit „Chasing Wild Horses“ ist das weitgehend gelungen – wenn die Geigen weg wären, diesen süssen Zuckerguss braucht niemand – ausser vielleicht das amerikanische Publikum.
„Hitch Hiking“ gefällt mir deswegen ausgesprochen gut – hier bricht sich die aussergewöhnliche Stimme Springsteens Bahn, trägt die ganze Melancholie, teilweise Traurigkeit und letztlich doch Hoffnung in die Welt hinaus – grosse Musik, einfach in der Machart und eindringlich in der Wirkung.
„Tucson Train“ ist das Beispiel, das am Besten aufzeigt, warum die Streicher hier nichts zu suchen haben – das wäre ein Song in der Tradition grosser Springsteen-Tracks – wenn er denn nicht so verflucht kitschig herausgekommen wäre.
Der Titeltrack „Western Stars“ hat mich dann wieder versöhnt. Gitarre, die beinahe erzählende Stimme des Meisters, eine Steel Guitar im Hintergrund und ein Bass, der dem Ganzen einen Boden gibt. Das ist die Musik welche die Bilder dessen erzeugt, das Springsteen aus macht – das einfache Amerika der kleinen Leute, die malerischen Landschaften, die heruntergewirtschafteten Stadtlandschaften des Rust Belt, des ehemals erfolgreichsten Ausdruck der amerikanischen Indusrie, welche bis heute auf den von Donald Trump versprochenen Aufschwung zu alter Grösse wartet. Und für einmal passen sogar die Streicher, bringen sogar die Leichtigkeit zurück in den Song. So bleibt dieser Track mein persönliches Highlight auf dem Album.
Etwas Americana verströmt dann „Sleepy Joe’s Cafe“, ein Fussspitzenwipper, ein lustiger, unterhaltsamer Track mit etwas Kajun-Attitüde.

Fazit
Ich werde nur stückweise warm mit „Western Stars“. Das hat teilweise mit den oben erwähnten Erwartungen zu tun, teilweise aber auch mit der insgesamt sehr melancholischen Stimmung des Albums. Entweder hätte die eine oder andere rockigere Nummer mit drauf gehört oder das gesamte Album hätte rein akustisch eingespielt werden sollen – dann hätte es für mich gestimmt, wäre es rund geworden.
So wie es vorliegt wird es definitiv nicht zu den grossen Springsteen-Alben werden. Dass es die Millionen Fans kaufen werden und viele daran ihre Freude haben werden, scheint mir jedoch gewiss. Und wen es nicht stört, dass Springsteen sich hier etwas in Zuckerwatte einwickelt, der wird Freude am Album haben.

Dieses Video ist erst am kommenden Freitag ab 10:00 Uhr verfügbar. Springsteen spielt darauf den Titeltrack zum neuen Album.

Einen kleinen Vorgeschmack auf das Album gibt das Lyric-Video zu „Hello Sunshine“

Cover und Tracklist
  1. Hitch Hikin‘
  2. The Wayfarer
  3. Tucson Train
  4. Western Stars
  5. Sleepy Joe’s Cafe
  6. Drive Fast (The Stuntman)Chasin‘ Wild Horses
  7. Sundown
  8. Somewhere North of Nashville
  9. Stones
  10. There Goes My Miracle
  11. Hello Sunshine
  12. Moonlight Motel
Online und Albumbestellung

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