OUT IN THE GREEN – CEO René Götz im Interview

Damit ein solches Festival wie dasjenige vom 29.6.22 in Frauenfeld stattfinden kann, braucht es jemand, der es organisiert. Was das bedeutet – wir konnten darüber mit René Götz sprechen, dem CEO der First Event AG in Frauenfeld.

Danny Frischknecht

Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Veranstalter Zeit für einen Plausch hat, der in zweieinhalb Wochen einen Festivaltag mit Grössen ELUVEITIE, SABATON, 5FDP und METALLICA ausrichtet und anschliessend das grösste Hip Hop Festival Europas über die sprichwörtliche Bühne gehen lässt. Umso schöner, dass ich Gelegenheit hatte, mit René Götz zu telefonieren.

René Götz, CEO First Event AG
Foto Credit First Event

Wie man sich vorstellen kann, stecken die Vorbereitungen für die Events in der heissen Phase, der Stresspegel im Team dürfte relativ hoch sein. René Götz bestätigt das, zumal das die Zielgerade eines Prozesses ist, der schon vor Covid gestartet wurde, durch die Pandemie dann aber etwas „on hold“ gesetzt wurde.

René Götz: Nachdem wir unsere Offerte eingereicht und den Zuschlag erhalten haben, haben wir uns natürlich gefreut. Letzten Herbst konnten wir den Vorverkauf starten und haben schliesslich die Planung mit den üblichen Parametern anfangs Oktober in Angriff genommen.
Das sind auf Seiten von uns als Veranstalter beispielsweise die ganzen Bühnendetails, oder dass wir das Setup des Openair Frauenfeld schon eine Woche früher nutzen konnten. Eine Herausforderung war, dass METALLICA eine höhere und insgesamt grössere Bühne wollten, als wir sie beim Openair jeweils haben. Das gab etwas Zusatzaufwand, wir konnten es letztlich aber umsetzen.

RN: Sehe ich das richtig, dass diese Organisation des OUT IN THE GREEN und kurz darauf des OPENAIRS FRAUENFELD auch gewisse Synergien gebracht hat?

René Götz: Ja, richtig, das hat einen Synergieeffekt. Allerdings haben wir in der Nach-Corona-Ära auch ein Problem. Diesen Sommer sind in der Schweiz ungefähr zehn Millionen Tickets unterwegs gegenüber etwa 2.5 Millionen in einem normalen Jahr. Diese riesige Menge an Festivals und Konzerten in Stadien bindet auch eine enorme Menge an Personal. Und das ist ja im Event- und Gastrobereich sowieso schon knapp. Und wir blockieren hier Materialien zusätzlich, weil zwischen dem OITG und dem OPENAIR FRAUENFELD ein Wochenende liegt. So gesehen gibt es Synergien, aber nicht so viel wie ursprünglich erhofft.

RN: Vor einige Tagen wurde bekannt, dass die ROLLING STONES im Berner Wankdorf nicht spielen können, weil Mick Jagger an Corona erkrankt ist. Jetzt muss für das Konzert ein neuer Slot gefunden werden. Dort ist das insbesondere auch schwierig, weil ja die Fussballsaison bald wieder losgeht. Wäre das in Frauenfeld einfacher – oder wäre es dieselbe Katastrophe?

René Götz: Naja, auch die Allmend ist gut gebucht, insbesondere ist die Armee hier präsent. Wir hätten wohl dieselbe Ausgangslage, falls dann ein Termin irgendwo im August oder September möglich wäre. Und ja, das wäre eine Katastrophe, wenn man einige Tage vorher von so etwas erfährt. Zudem wären die Synergien dann weitgehend verpufft.

RN: Was den einen oder anderen Konzertbesucher vielleicht auch schon durch den Kopf gegangen ist; wie viel Personal braucht es, um ein solches Event zu stemmen?

René Götz: Das kommt etwas darauf an, wo man anfängt und wo man aufhört. Wenn wir einmal einen inneren Kreis definieren, den wir organisieren, also unsere Mitarbeitenden sowie Security und Gastronomie, dann sind gut 1000 Personen. Dann kommen aber noch Bahnpolizei, Polizei, Verkehrsregelung, Sanität und weitere Bereiche dazu, das macht dann schon 1500 Personen aus. Und das für das eintägige Konzertevent.

RN: An einer WACKEN-Dokumentation habe ich einige spannenden Kenndaten gesehen, beispielsweise, dass es 1050 Toi Toi’s braucht und 45 Kilometer Absperrungen. Welche Zahlen beeindrucken dich bei euch?

René Götz: Klar, mit der Kapazität von bis zu 50’000 Besuchern bauen wir in einigen Bereichen eine Kleinstadt auf. Beispielsweise haben wir über 10’000 m2 Bodenabdeckungen, 6’000 m2 überdachte Flächen, etwa 700 Toi Toi’s. Aufgrund der Besucherzahlen haben wir ähnliche Dimensionen. Was beim OITG wegfällt, sind die Campingflächen. Die brauchen wir erst zehn Tage später.

Frühere Bühne des Openair Frauenfeld, die aktuelle steht noch nicht…
Foto Credit First Event

RN: Ein wichtiger Faktor ist das Wetter. In den letzten Jahren hat es immer wieder Festivals gegeben, welche unterbrochen oder gar abgebrochen werden mussten, etwa wegen Gewitterstürmen. Wie muss ich mir das vorstellen, was es bedeuten würde, diese Menge an Menschen im Notfall schnellstmöglich zu evakuieren?

René Götz: Wir haben seit vielen Jahren einen ausgeklügelten Notfallplan, der auch jedes Jahr wieder etwas verfeinert werden kann. Wir arbeiten sehr eng mit der Kantonspolizei Thurgau zusammen, welche jeweils ein Aufgebot stellen und insbesondere eine Leitstelle besetzen. Die Szenarien beim Unwetter reichen von Musik herunterfahren bis zur Evakuation des gesamten Geländes. In den letzten Jahren mussten wir leider auch Szenarien für Terrorangriffe erarbeiten – das ist alles sehr herausfordernd. Und wir hoffen selbstverständlich, dass wir sie nie brauchen werden.

Ich spreche René auch darauf an, dass es während einer solchen Vorbereitung und Durchführung Hochs und Tiefs gibt, lustige oder frustrierende Momente. Er bejaht, dass es lustige und stressige Momente gibt, insgesamt ist es aber eher ein Gefühl der permanenten Spannung. Als Veranstalter ist man Generalist, man hat mit den verschiedensten Bereichen zu tun, mit vielen unterschiedlichen Menschen. Das macht grossen Spass und treibt immer wieder von Neuem an.

RN: Für die Fans der Bands ist es bestimmt ein Traum, ihre Helden einmal zu treffen. Gibt es Grund zu Neid euch gegenüber, weil ihr permanent mit den Bands zusammen seid? Wieviel Kontakt wirst du voraussichtlich mit METALLICA haben?

René Götz: Ganz, ganz wenig. Dieses Event ist unheimlich eng getaktet. Wir haben einen Backstagebereich, der sehr gut und detailliert geplant ist, die Abläufe sind gesetzt. METALLICA werden einen separaten Backstagebereich haben, in welchem sie auf den Auftritt warten und den sie anschliessend relativ schnell wieder verlassen. Da bleibt maximal ein Hallo-Sagen und nicht viel mehr. Wir stehen nicht im Zentrum. Für mich ist wichtig, dass die Bands happy sind, dass alles sauber durchläuft und funktioniert. Es ist also nicht so, dass man gemeinsam an der Bar steht.

RN: Irgendwann ist die Idee zu diesem Event entstanden. Zentral ist das Lineup. Höchste Priorität dürfte da der Headliner haben. Wie kommt das gesamte Lineup zustande?

René Götz: Es ist eine Kombination verschiedener Dinge. Aber klar, der Headliner steht schon im Zentrum. Wir haben das intern diskutiert und fanden die Idee mit METALLICA interessant. Beim OUT IN THE GREEN schwingt auch etwas Nostalgie mit.
Mit dem OPENAIR FRAUENFELD sind wir seit Jahren etabliert. Initiiert durch unseren VR Präsidenten Wolfgang Sahli ging es auch darum, Frauenfeld etwas zurück zu geben, den früheren Geist aufleben zu lassen. Mit unserem Mutterhaus LIVENATION konnten wir das Ganze dann umsetzen. Mehr oder weniger parallel findet in Deutschland das DOWNLOAD Festival statt, und so konnten wir das dortige Lineup zum grossen Teil sharen. DOWNLOAD wird am Samstag vorher stattfinden.

Foto Credit First Event

RN: Schön ist, dass neben den drei ausländischen Bands auch zwei Schweizer Namen auf dem Lineup stehen, ELUVEITIE und CHAOSEUM. ELUVEITIE spielt ein einer ähnlichen Liga wie SABATON oder 5FDP, Chaoseum ist eine eher unbekannte Metalcore Band, die erst seit 2018 besteht. Wieviel Spielraum habt ihr, bei einem solchen Riesenevent, auch kleinere Bands ins Spiel bringen?

René Götz: Wir haben diesen Spielraum und sind hier auch frei und nutzen das gerne, denn es geht um die Förderung des gesamten Musikschaffens, der Nachwuchsbands.
Das praktizieren wir seit Jahren auch am OPENAIR FRAUENFELD mit den Bühnen drei und vier, teilweise zusammen mit Sponsoren. Damit leisten wir einen Beitrag zur Förderung der zukünftigen Headliner…

RN: Du hast schon gesagt; „Nach dem Festival ist vor dem Festival“. Beim OPENAIR FRAUENFELD ist das bereits so. Kannst du dir vorstellen, dass das zukünftig auch beim OITG so sein könnte, dass es eine Fortsetzung gibt?

René Götz: Da müssen wir dieses Jahr jetzt mitnehmen und dann diese Veranstaltungen einmal durchspielen, damit wir anschliessend entscheiden können, wie es weitergehen soll.

RN: Aktuell sind viele Veranstalter sehr optimistisch in die Nach-Corona-Zeit gestartet und teilweise konsterniert, dass die Menschen noch eher verhalten an Konzerte gehen, dass teilweise grosse Namen nicht ausverkauft waren.
Auch bei METALLICA ist es ja häufig so, dass man die Tickets sehr schnell ordern muss, dass die Konzerte jeweils „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ ausverkauft sind. Auch für das OITG gibt es noch Tickets. Wie erlebt ihr das? (Anm. der Red.; unsere Ticketverlosung hat immerhin nur gerade fünf Minuten gedauert, nachdem sie online war…)

René Götz: Ja, das ist tatsächlich so, es haben sich einige Parameter geändert. Es ist weniger gut planbar. Aber aktuell zeigt sich, dass die Festivals quasi im Endspurt dann doch noch gut gebucht werden, beispielsweise das GREENFIELD (Anm. der Red; neuer Besucherrekord!) oder das ROCK AM RING. Es kommt auch dazu, dass viele Menschen noch auf Tickets sitzen und das Angebot – wie oben schon erwähnt – sehr gross ist. Wir merken aber mit jedem Tag, mit jeder Veranstaltung, dass die Menschen wieder raus wollen, wieder an Konzerte gehen. Sie haben Freude, im Indoor-Bereich herrscht Euphorie. 2022 ist ein Übergangsjahr. Ich denke, dass 2023 wieder in der Normalität ankommt, wenn sich das Angebot einpendelt, wenn wieder früh Tickets gekauft werden können – ich bin da zuversichtlich.

RN: Es gibt einen spannenden „Nach-Corona“-Effekt, dass gewisse Festivals aufgestockt haben, quasi nachholen wollen. Das STARS IN TOWN in Schaffhausen findet neu an zwei Wochenenden statt, das riesige HELLFEST in Frankreich hat aus einer Woche gleich zwei gemacht. Denkst du, dass das eine momentane Erscheinung ist, dass das wieder abflacht?

René Götz: Das ist ein guter Punkt. Wie ich schon vorher erwähnt habe, werden viele Veranstalter die Anlässe jetzt einmal so durchführen und dann analysieren. Ich denke, dass es hier Korrekturen geben wird. Die Anzahl Tickets, die im Umlauf sind, ist zu hoch für die Anzahl Einwohner, das ist ein Missverhältnis. Von daher gehe ich davon aus, dass es Korrekturen geben wird, die aber sehr individuell sein können.
Der eine Veranstalter wird vielleicht zukünftig mehr machen können, der andere wird wieder auf das Vor-Corona-Niveau zurückfahren.

RN: Mir geht es ähnlich wie vielen Konzertbesuchern; ich bin teilweise erstaunt bis entsetzt, wie hoch die Ticketpreise sind. VIP-Angebote für mehrere hundert bis fast tausend Franken beispielsweise. Da ist das OITG mit einem VIP-Package von Fr. 250.- relativ moderat…

René Götz; Ja, das ist richtig. Da wir uns wie ein Openair-Festival aufstellen, kann man das nicht mit einem Stadion vergleichen. Dort kannst du viel mehr Sektoren oder VIP-Angebote schaffen. Und hier spielen auch die Synergien unseres Settings. Da wir auch den gesamten Food und Beverage Bereich für das OPENAIR FRAUENFELD bereits aufbauen, können wir den Besuchern ein Angebot bieten, das in einem Stadion so nicht möglich ist.
Somit wird das VIP-Angebot bei uns auch dazu führen, dass du näher parkieren darfst, eine eigene Zone hast, eigene sanitäre Anlagen und wir trotzdem marktkonforme Preise anbieten können. Der VIP-Bereich am OITG wird auf jeden Fall etwas intimer sein, und durch das Festival-Setting können wir die Preise fair halten.

VIP Tribüne
Foto Credit First Event

RN: Wenn man ein solches Event veranstaltet, will oder muss man Geld verdienen, besonders, wer zukünftig wieder Veranstaltungen machen will. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass du weitere Kriterien hast, welche für dich den Erfolg des Tagesfestivals ausmachen.

René Götz: Wir sind ein privat- und marktwirtschaftliches Unternehmen, und damit ist klar, dass wir diese Veranstaltung mit Gewinn über die Bühne bringen wollen. Die andere Komponente ist aber, dass wir uns riesig freuen, endlich wieder live gehen zu können, die Freude der Zuschauer zu sehen. Die Momente, wenn das Feuer der Bands auf das Publikum überspringt – das sind für mich seit zwanzig Jahren die Kriterien, um zu sagen; dafür machen wir das! Genau dazu machen wir unseren Job, damit wie diese Emotionen spüren.

RN: Wenn das OITG und dann das OPENAIR FRAUENFELD vorbei sind, aufgeräumt und abgerechnet ist – gibt es Betriebsferien, weil alle Mitarbeitenden „nudelfertig“ sind?

René Götz: Ja, das ist genau so. Etwa zwei Wochen nach dem Openair wird der Grossteil abgewickelt sein und das Gros des Teams wird zwei Wochen Ferien nehmen – bevor es dann mit neuem Elan weitergeht!

Von dieser Stelle aus sage ich nochmals herzlichen Dank dafür, dass René Götz, CEO der First Event AG, sich für uns Zeit genommen hat. Vielleicht kann sich der eine oder andere Leser, die eine oder andere Besucherin, jetzt etwas besser vorstellen, was genau hinter den Kulissen laufen muss, damit auf dem Gelände genug Food und Getränke vorhanden sind, man parkieren und aufs Klo gehen kann und dass am Ende sechs Bands auf der Bühne stehen, welche die Allmend rocken und 50’000 Fans glücklich machen werden.

Geländeplan
Foto Credit First Event