OPENAIR ST. GALLEN 2024 – Eindrücke eines Erstbesuchers

OPENAIR ST. GALLEN 2024 – Eindrücke eines Erstbesuchers

Auch dieses Jahr fand das OPENAIR ST. GALLEN, eines der grössten und ältesten Festivals der Schweiz, vom 27.-30. Juni statt.

Bilder Alexandra Rothlin, Text Robert Metzler

Stadtnah und doch im Sittertobel isoliert, ist das Festival für seine Besucher eine einzigartige Erfahrung aus Musik, Menschen, lokaler Kultur und natürlich Schlamm. Auf vier Bühnen und vielen Partyhütten wird über vier Tage in St. Gallen Party gemacht. Nachfolgend die Eindrücke meines ersten Besuchs, für Leute die selbst nie das OASG besucht haben.

Kultur

«Ich find das geil, dass sowas (Autor: das OASG) noch in der Schweiz existiert. Hier treffen Bauern auf HSG-Studenten und Internationale!» 


So wurde mir der Reiz des OASG von einem regelmässigen und langjährigen Besucher erläutert. Das OASG bat für mich ein spannendes Bild der Besucher. Dabei sind meine Erwartungen durch meine eigenen Festival-Erfahrungen geprägt, welche sich primär auf das Metal Genre in unterschiedlichen Grössen beschränken (z.B. WACKEN, GREENFIELD, GRÄNICHEN). An diesen Festivals verbindet sich die Menge hauptsächlich durch ihre Liebe zum Musik-Genre.
 Das OASG zieht alle möglichen Leute an und das unabhängig ihrer musikalischen Vorlieben. Das Festival fühlt sich dabei mehr nach einem Feiern der St. Galler Kultur und lokalem Stolz. Seien es lokal Wohnhafte, die jede Nacht wieder mit dem Bus nach Hause fahren, oder Weggezogene, welche sich einmal im Jahr wieder mit all ihren Freunden für Camping und Festival treffen. Von Familien, Rentnern und lokalen Politikern findet man dabei alles Mögliche unter den Besuchern. Dabei entsteht der Eindruck, dass die Musik eher sekundär ist. Es geht um das Miteinander, um den Vibe. Und in diesem Vibe ist das OASG am stärksten, das Gefühl von miteinander. Dabei gleicht es eher etwas wie der WINTERTHURER MUSIKFESTWOCHEN als einem GREENFIELD. Man geht hin, unabhängig davon was spielt. Natürlich kann ich dies nicht so verallgemeinern und ich bin mir sicher, es gibt mehr als genug Leute, die für spezifische Acts ans OASG gehen, jedoch erscheint mir das nicht der hauptsächliche Reiz des Festivals zu sein.

Musik

Musikalische war das OASG ein wilder Mix aus Genres und Acts. Während die Headliner PLACEBO und QUEENS OF THE STONE AGE, sowie donnerstags Act THE HIVES sich eher an ein älteres Publikum richteten, lag der Besucherfokus gefühlt bei den jüngeren Acts wie PROVINZ, BILDERBUCH, K.I.Z, GIRL IN RED und NINA CHUBA. Ob bedingt durch die Publikumsstimmung, lieferten diese Interpreten meiner Meinung nach auch die stärksten Auftritte des Festivals ab. Auch THE HIVES heizten bereits am Donnerstag gut ein. Die Acts, welche ich persönlich sehen wollte, QUEENS OF THE STONE AGE und PLACEBO, waren leider enttäuschend. Josh Homme, Frontmann der QUEENS OF THE STONE AGE, war leider nicht nüchtern auf die Bühne gekommen, welches sich in der gesanglichen Leistung widerspiegelte. PLACEBO hatte als Closer einen wichtigen, aber dieses Jahr auch undankbaren Auftritt. Bedingt durch den kurzfristigen Ausfall von MAISIE PETERS und die rapide schlechter werdende Wetterlage, herrschte bereits vor PLACEBOS Auftritt grosse Aufbruchstimmung auf dem Festivalgelände.
Die für einen Headliner gefühlt kleine Publikumsmenge und technische Probleme an der Gitarrenanlage während des Auftritts schien der Band mental zuzusetzen und es folgte ein frühzeitiger Abbruch des Konzerts und fader Beigeschmack für das Ende des Festivals. Statt Bitter End also ein bitteres Ende für mich und viele andere Festivalbesucher, welche noch geblieben oder extra für PLACEBO angereist waren.

Wetter

Dem Ruf vom «Schlammgallen», welcher dem OASG vorauseilt, wurde das Festival dieses Jahr zum Glück der Veranstalter und Besucher nicht gerecht. Während der Regen am Donnerstagabend noch gnadenlos den Boden aufweichte und bereits erste Zelte der mutig Campenden zerstörte, stabilisierte ein trockener Freitag und mehrheitlich trockener Samstag die Bodenbeschaffenheit. Obwohl es Samstagabend noch einmal kräftig in die Nacht rein regnete, verlief der Rest des Festivals bis nach Closer PLACEBO noch trocken. Die Festival ORGA schien weiterhin bemüht, die grössten entstandenen Pfützen und Schlammausläufer mit Platten und Stroh zu bekämpfen, auch wenn es sich dabei wohl hauptsächlich um eine Sisyphusarbeit handelt, ist der Einsatz merkbar. 
Generell ist für Besucher des OASG eine Regenjacke und mindestens hohe Wanderschuhe zu empfehlen, besser noch Gummistiefel. Die Menge an Dreck-besudelten Sneakern zeigen hierbei wohl die optimistische Einstellung oder Ignoranz mancher Besucher.

Organisation

Die Organisation des OASG lässt aus meiner Perspektive für ein Festival dieser Grösse noch zu wünschen übrig. Das Gelände ist als Erstbesucher nicht wirklich logisch aufgebaut, es fehlt für meinen Geschmack an Wegweisern und Geländeplänen. Den einen Geländeplan, welchen ich im Laufe des Festivals gefunden habe, fehlte eine simple «Sie sind hier» Markierung, welche die Navigation einfacher gemacht hätte. Generell erscheint die Wegplanung an manchen Orten mehr für ein Festival mit kleinerer Besucherzahl ausgelegt zu sein. So bilden sich bei vielen Besuchern zwischen den Acts flussartige Bewegungen, bei welchen die Zuschauer von einer Bühne zur anderen wechseln. Eine Bewegung in die Gegenrichtung ist währenddessen praktisch unmöglich.
Das Festival hat zwar eine App mit Geländeplan, Running Order, etc. jedoch keinen Location Service aktiv. Hier hätte man sicherlich Platz zur Verbesserung. Auch dass die App nur über gecancelte Auftritte informiert, wenn man diese abonniert hat, finde ich eine fragwürdige Wahl. Usability ist auch hier noch sehr verbesserbar. 
Positiv zu erwähnen sind das Bargeldlose System, bei welchem man einen Chip im Festivalband schon am Bahnhof St. Gallen, an mehreren Standorten auf dem Gelände oder Online mit Geld aufladen kann. Auf dem Festivalgelände wird dann alles vom Chip beglichen und nach dem Festival kann man sich das übrige Geld wieder auszahlen lassen. Unkompliziert und in meinen Augen ausgezeichnet gelöst. Da ich während des Festivals nicht auf Gelände geschlafen hab, sondern jede Nacht wieder Richtung Zürich gefahren bin, sticht für mich auch der Shuttle Service des Festivals als positiv heraus. Gut organisiert und brutal effizient wurden die Pendler vom Festival abtransportiert und am nächsten Tag wieder gebracht.

Fazit

Das OpenAir St. Gallen war eine einzigartige Erfahrung für mich als Festivalgänger. Trotz meiner Kritikpunkte ist es für mich schwer, dem OASG nicht einen gewissen Reiz zuzugestehen. Die Stimmung im Publikum, das offene Konzept und die geographische Lage verwandeln das Sittertobel während vier Tagen in einen Hexenkessel, bei welchem die Besucher dreckig, aber glücklich am Ende herauskommen und sich bereits auf das nächste Jahr freuen. Ich selbst wäre nicht abgeneigt, mir ein weiteres (hoffentlich leicht verbessertes) OASG anzutun, unabhängig von Wetter und spielenden Acts, aber einfach nur für die Vibes.