12 werden 40 – ROBERT PALMER „Addicted To Love“
1986 war ein ikonisches Jahr für Musik. Der Grundstein für viele Karrieren wurde gelegt. Dies ist eine sehr subjektive Liste von 12 grandiosen Songs, welche dieses Jahr 40 werden. Jeden Monat einer.
Stephan Lipp
Ja, es gibt sie, diese Songs, die jeder kennt, aber niemand so genau weiss, wer die Band oder Künstler dahinter ist. Weitaus seltener gibt es das Musikvideo, das jeder kennt und bekannter ist, als Song und Künstler selbst. Bei Robert Palmer’s „Addicted To Love“ ist zweiteres ganz sicher der Fall. Denn kaum ein Musikvideo aus den 80ern hat sich so sehr in unser kollektives Gedächtnis gebrannt und wurde kopiert und persifliert wie die dritte Single von Palmers‘ achtem Soloalbum „Riptide“.

Geboren 1949 in England spielte sich Robert Palmer durch eine Bandbreite von Bands und Musikstilen. Von Jazz, Funk über Reaggae und von karibischen Klängen beinflusster Rock, als er in Nassau lebte. Ende der 70er / Anfangs der 80er hatte er einige Singleerfolge mit Songs wie „Every Kinda People“, „Bad Case of Loving You (Doctor, Doctor)“ oder „Johnny and Mary“ vom Album „Clues“.
Das Nachfolgealbum dümpelte etwas vor sich hin. Da traf es sich gut, dass sich Palmer mit den Jungs von DURAN DURAN anfreundete und ein hell aber kurz leuchtendes Projekt namens „THE POWER STATION“ mit Andy Taylor und John Taylor von DURAN DURAN als auch Tony Thompson von CHIC gründete. Thompson trommelte auch am legendären LED ZEPPELIN Reunion-Konzert bei Live-Aid 85 in Philadelphia: Die einzige Band dieses Megaevents, welche die Aufnahmen für den Videorelease von Live-Aid nicht freigab, da sie den Auftritt als zu schlecht empfand. Ja, auch Phil Collins hatte da seine Drumsticks im Spiel und Jimmy Page war in einem Zustand, in dem er sich wohl kaum an diesen denkwürdigen Event hat erinnern können, aber das ist eine andere Geschichte für ein andermal.
THE POWER STATION hatte einigen veritablen Erfolg mit Eigenkompositionen und Covers, hielt aber nur ein Album (plus ein weniger beachtetes von einer späteren Reunion) lang. Der schnelle Erfolg der Band führte zu einer US Tour. Allerdings entschied Palmer, der nun selbst mehr Aufmerksamkeit erlangte, die Band während der Tour zu verlassen und ein Solo-Album aufzunehmen. „Riptide“ orientierte sich stark am Sound von THE POWER STATION, was dem Künstler zusätzlichen Unmut von Fans und Kritikern entgegen brachte sowie Anschuldigungen, dass er den Sound von THE POWER STATION für sich geklaut hätte. Palmer konterte das allerdings mit: „Ich habe THE POWER STATION ihren Sound gegeben, nicht umgekehrt“.
Aber zurück zu „Addicted To Love“. Tatsächlich erhielt Palmer bei der Aufnahme tatkräftige Unterstützung von THE POWER STATION Mitgliedern Andy Taylor und Tony Thompson. Geschrieben von Robert Palmer handelt der Song von der Idee, süchtig nach Liebe zu sein (was ja aus dem Titel nicht so schwer erkennbar hervorgeht). Gemäss dem Sänger waren viele seiner Freunde und Bekannte zu dieser Zeit wegen irgendwelcher Abhängigkeiten in Behandlung, und Palmer spann den Faden weiter. Ursprünglich als Duett mit Chaka Khan gedacht, gestaltete sich der rechtliche Aspekt – beide waren bei unterschiedlichen Labels unter Vertrag – als schwierig, weshalb der Beitrag der Sängerin letztlich gelöscht werden musste. „Addicted To Love“ erreichte die Nummer 1 in den US Billboard Charts und konnte 1987 einen Grammy für „Best Male Rock Vocal Performance“ abstauben.
Fast ikonischer als der Song scheint aber das Musikvideo zu sein, das 1986 als „Best Male Video“ bei den MTV Video Music Awards ausgezeichnet wurde. Regie führte der renommierte Fashion-Fotograf Terence Donovan (der einen schwarzen Gurt in Judo hatte und an einem Judo-Buch mitgeschrieben hat). Sein Konzept war simpel. Neben Robert Palmer sollten 5 Models als Band fungieren, stoische Minen und überzeichnet geschminkt, wie Mannequins. Da keine der Damen Erfahrung im Umgang mit Instrumenten hatte, wurde eigens ein Profi-Musiker angeheuert, der in einem Crash-Course den Models beibrachte, wie sie ihre zugeteilten Instrumente spielen sollten. Nun. Es lief nicht sehr gut. Der Musiker verliess nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen das Set. Zusätzlich erschwerend war, dass eine ordentliche Menge Wein die Kehlen der Anwesenden benetzte. Es half auch nicht, dass die Zeit knapp war: Man traf sich im 8 Uhr morgens an einem kalten Tag in einem Londoner Kellerstudio, und musste um 19 Uhr schon wieder seine Sachen gepackt haben und verschwunden sein. Neuer Plan, es werden 5 weitere Musiker angeheuert, welche hinter der Kamera ihre Bewegungen machen, und die Models sollen es ihnen vor der Kamera einfach nachmachen. Ja, irgendwie klappt das, mehr schlecht als recht. Das exzessive Schwenken der Instrumente (und der Wein) führt auch dazu, dass eines der Models Robert Palmer die Gitarre an den Hinterkopf schlägt.
Und allen Widrigkeiten zum Trotz: Video und Song gehen viral – wie man heute sagen würde. Das Konzept gefiel Robert Palmer so gut (und ausserdem ging er davon aus, dass Song und Video nur ein Hit wegen der Models wurden), dass er das gleiche Konzept gleich zwei Mal kopierte, und zwar für seine Songs „I Didn’t Mean To Turn You On“ als auch für „Simply Irresistible“. Die Karriere von Palmer flachte danach aber langsam ab. „Addicted To Love“ hat seinen Schöpfer überholt und die Kontrolle übernommen. Während das Publikum den Song und vor allem das Video wohl nie wieder aus ihrem Kopf bekommen, vergass es langsam, dass Palmer eigentlich ein toller Sänger war. Zwar verschwand er nie ganz in der Versenkung, konnte mit UB-40 und dem Marvin Gaye Cover „Mercy Mercy Me“ nochmals zwei Hits verbuchen… an die Glanzzeiten von „Riptide“ kam er aber nicht mehr heran. Robert Palmer starb am 26. September 2003 mit nur 54 Jahren an Herzversagen.
Das ikonische Video lebt weiter in verschiedenen Tributes und Persiflagen. So nahmen es z.B. DIE PRINZEN in „Alles Nur Geklaut“ auf’s Korn. Auch SHANIA TWAIN machte eine Art Remake für ihren Song „Man! I Feel Like A Woman“. Zudem gibt es etliche Coverversionen von TINA TURNER bis EAGLES OF DEATH METAL. Und dann und wann taucht mal ein Video auf YouTube auf, in welchem versucht wird, exakt das zu spielen, was die Models spielten. Aus rechtlichen Gründen halten sich diese Videos als leider nicht sehr lange und werden gelöscht.
ROBERT PALMER – Addicted To Love
Written by Robert Palmer
Lyrics by Robert Palmer
Produced by Bernard Edwards
Vocals: Robert Palmer
Guitar: Eddie Martinez, Andy Taylor
Keyboards: Wally Badarou
Bass: Bernard Edwards
Drums: Tony Thompson
Was sonst noch geschah (April1986)
Mit „St. Elmo’s Fire: Die Leidenschaft Brennt Tief“ kommt ein klassischer Coming-Of-Age Film von Joel Schumacher in die Deutschen und Schweizer Kinos. Das „Bart Pack“ mit Demi Moore, Rob Lowe, Andrew McCarthy, Emilio Estevez, Judd Nelson und Ally Sheedy hauchten dem Film um eine Clique auf dem Sprung von College ins Erwachsenenalter Leben ein. „Absolute Beginners – Junge Helden“ begleitet einen jungen Fotografen im London der 1985er Jahre, mit Musik von David Bowie.
Das Unvorstellbare geschah in der Ukraine – beziehungsweise damals noch Sowjetunion. Die bis heute grösste nukleare Katastrophe der Geschichte geschah in Tschernobyl, als es am 26. April 1986 um 01:23 Uhr Ortszeit zu einer Explosion während eines Sicherheitstests im Reaktor 4 kam. Die Ursache war ein schwerer Bedienfehler sowie ein Konstruktionsfehler des Reaktortyps. Die Explosion sprengt das Dach des Reaktors weg und der radioaktive Kern liegt offen. Viele Feuerwehrleute und Helfer löschen ohne Schutzanzüge, werden massiv verstrahlt und sterben zumeist innert weniger Tage und Wochen. Die angrenzende Stadt Pripjat und ihre 50’000 Einwohner werden erst anderthalb Tage später evakuiert. Bis heute ist das Gebiet in einem 30 Kilometer Radios um das Kraftwerk gesperrt . Als weitere Folge zieht eine radioaktive Wolke über Europa. Milch wird weggeschüttet, Pilze und Wild sind jahrelang belastet. Spielplätze werden gesperrt, Regen nach Möglichkeit gemieden.
Ganz im Stile des „Eisernen Vorhangs“ wird der Vorfall erstmal so lange wie möglich vertuscht und verschwiegen, bis in Schweden erhöhte Strahlungswerte gemessen werden, und die Katastrophe auffliegt. Später arbeiten sogenannte „Liquidatoren“ daran, radioaktives Material wegzuräumen und einen Schutzsarkophag zu bauen. Auch sie sind kaum geschützt und grosser Strahlenbelastung ausgesetzt.
Ausserdem fliegt die USA Luftangriffe auf Libyen als Reaktion auf verschiedene Terroranschläge und bombardiert Ziele in Tripolis und Bengasi. Sanktionen von Südafrika nehmen zu, ebenso der internationale Druck auf die Apartheid. Und das Musical „Cats“ startet in Hamburg zum ersten Mal in deutscher Sprache. Die Niederlande beenden zudem einen über 335 Jahre dauernden Krieg mit den Scilly-Inseln, die im Südwesten Grossbritanniens liegen.
12 werden 40 (1986)
BON JOVI – Livin‘ On A Prayer
PAUL SIMON – Graceland
VAN HALEN – Why Can’t This Be Love
ROBERT PALMER – Addicted To Love
ENGLISH
Yes, they do exist – those songs that everyone knows, but nobody can quite put their finger on who the band or artist behind them is. Far rarer still is the music video that everyone knows and which is better known than the song itself. With Robert Palmer’s “Addicted To Love”, the latter is certainly the case. For hardly any music video from the 80s has burned itself so deeply into our collective memory, or been copied and parodied, as the third single from Palmer’s eighth solo album, “Riptide”.
Born in England in 1949, Robert Palmer played his way through a wide range of bands and musical styles. From jazz and funk to reggae and rock influenced by Caribbean sounds during his time living in Nassau. In the late 70s and early 80s, he had a number of hit singles with songs such as “Every Kinda People”, “Bad Case of Loving You (Doctor, Doctor)” and “Johnny and Mary” from the album “Clues”.
The follow-up album didn’t really take off. So it was fortunate that Palmer struck up a friendship with the lads from DURAN DURAN and formed a bright but short-lived project called “THE POWER STATION” with Andy Taylor and John Taylor from DURAN DURAN, as well as Tony Thompson from CHIC. Thompson was also part of the legendary LED ZEPPELIN reunion concert at Live Aid ’85 in Philadelphia: The only band at this mega-event that did not approve the footage for the Live Aid video release, as they felt the performance was too poor. Yes, Phil Collins was also there with his drumsticks, and Jimmy Page was in a state where he could hardly have remembered this memorable event, but that’s another story for another time.
THE POWER STATION enjoyed considerable success with their own compositions and cover versions, but only lasted for one album (plus one from a later reunion). The band’s rapid rise to fame led to a US tour. However, Palmer, who was now gaining more attention in his own right, decided to leave the band during the tour and record a solo album. ‘Riptide’ was heavily influenced by THE POWER STATION’s sound, which earned the artist further criticism as well as accusations that he had stolen THE POWER STATION’s sound for his own use. Palmer countered this, however, by saying: ‘I gave THE POWER STATION their sound, not the other way round’.
But back to “Addicted To Love”. In fact, Palmer received active support during the recording from THE POWER STATION members Andy Taylor and Tony Thompson. Written by Robert Palmer, the song is about the idea of being addicted to love (which, as the title suggests, isn’t too hard to work out). According to the singer, many of his friends and acquaintances were in treatment at the time for various addictions, and Palmer took the idea further. Originally intended as a duet with Chaka Khan, the legal aspects – both were signed to different labels – proved difficult, which is why the singer’s contribution ultimately had to be removed. “Addicted To Love” reached number 1 in the US Billboard charts and won a Grammy for “Best Male Rock Vocal Performance” in 1987.
The music video, however, seems almost more iconic than the song itself; it won the award for ‘Best Male Video’ at the 1986 MTV Video Music Awards. It was directed by the renowned fashion photographer Terence Donovan (who held a black belt in judo and co-authored a book on the sport). His concept was simple. Alongside Robert Palmer, five models were to act as a band, with stoic expressions and exaggerated make-up, like mannequins. As none of the ladies had any experience playing instruments, a professional musician was hired specifically to teach the models, in a crash course, how to play their assigned instruments. Well. It didn’t go very well. After a few failed attempts, the musician left the set. To make matters worse, a fair amount of wine had been flowing. It didn’t help that time was tight: they met at 8 am on a cold day in a London basement studio, and had to have packed up and left by 7 pm. New plan: five more musicians are hired to perform their moves behind the camera, and the models are simply to copy them in front of the camera. Yes, somehow it works, albeit rather poorly. The excessive swinging of the instruments also leads to one of the models hitting Robert Palmer on the back of the head with a guitar.
The iconic video lives on in various tributes and parodies. For example, DIE PRINZEN poked fun at it in ‘Alles Nur Geklaut’. SHANIA TWAIN also made a sort of remake for her song ‘Man! I Feel Like A Woman’. There are numerous cover versions, ranging from TINA TURNER to EAGLES OF DEATH METAL. And the video, which probably no one who has seen it will ever forget.
What else happened (April 1986)
‘St. Elmo’s Fire: The Passion Burns Deep’, a classic coming-of-age film by Joel Schumacher, is coming to cinemas in Germany and Switzerland. The ‘Bart Pack’ – Demi Moore, Rob Lowe, Andrew McCarthy, Emilio Estevez, Judd Nelson and Ally Sheedy – brought to life a group of friends on the cusp of leaving college and entering adulthood. ‘Absolute Beginners’ follows a young photographer in 1980s London, featuring music by David Bowie.
The unthinkable happened in Ukraine – or, as it was then known, the Soviet Union. The worst nuclear disaster in history to date occurred in Chernobyl when, at 01:23 local time on 26 April 1986, an explosion took place during a safety test in Reactor 4. The cause was a serious operational error combined with a design flaw in the reactor type. The explosion blew the reactor roof off, exposing the radioactive core. Many firefighters and rescue workers attempted to extinguish the fire without protective suits, were severely irradiated and mostly died within a matter of days or weeks. The neighbouring town of Pripyat and its 50,000 inhabitants were not evacuated until a day and a half later. To this day, the area within a 30-kilometre radius of the power station remains off-limits. As a further consequence, a radioactive cloud drifts across Europe. Milk is poured away, and mushrooms and game remain contaminated for years. Playgrounds are closed, and rain is avoided wherever possible.
In true ‘Iron Curtain’ style, the incident is initially covered up and kept secret for as long as possible, until elevated radiation levels are detected in Sweden and the disaster is exposed. Later, so-called ‘liquidators’ set to work clearing away radioactive material and constructing a protective sarcophagus. They, too, are barely protected and are exposed to high levels of radiation.
In addition, the US launches air strikes against Libya in response to various terrorist attacks, bombing targets in Tripoli and Benghazi. Sanctions against South Africa are stepped up, as is international pressure on the apartheid regime. And the musical ‘Cats’ opens in Hamburg for the first time in German. The Netherlands also ends a war with the Isles of Scilly, located in the south-west of Great Britain, which had lasted for over 335 years.
